Autor: Abdoul G. Tchaou
Fast eine Sekunde schneller als Bolt. Und trotzdem scheitert er an der Waschmaschine.
Was die Roboterspiele in Peking wirklich zeigen, und welches Datum dabei untergegangen ist.
Heute im Unterricht ging es um die allgemeine Entwicklung im KI-Bereich. Keine Roboter, kein Video, einfach eine Bestandsaufnahme.
Irgendwann kippte das Gespräch an der Stelle, an der solche Gespräche fast immer kippen. Wie lange dauert das noch, bis wir ersetzt werden?
Auf diese Frage nenne ich grundsätzlich keine Jahreszahl. Wer eine nennt, rät. Was ich stattdessen anbieten kann, sind zwei Zahlen von der gleichen Veranstaltung, im selben August, mit dem selben Roboter.
Die erste Zahl beeindruckt. Die zweite Zahl ist die wichtigere.
Die Kurve, die beeindruckt
Bei den World Humanoid Robot Games 2026 in Peking, die vom 22. bis 26. August stattfand, sind 2.056 Roboter aus 16 Ländern in 666 Teams angetreten. 51 Disziplinen, mit über 1.300 Einzelwettkämpfen. Ein Jahr zuvor, bei der ersten Auflage, waren es 280 Teams und rund 500 Roboter in 26 Disziplinen.
Eine Zahl und ein Name, der für sich spricht: Roboter Tiangong Ultra lief im August 2025 100 Meter in 21,50 Sekunden. Im August 2026 lief er die gleiche 100-Meter-Strecke in 8,64 Sekunden.
Usain Bolts Weltrekord steht bei 9,58 Sekunden pro 100 Meter.
Beim Standhochsprung sprang ein Roboter 2,88 Meter. Der menschliche Rekord liegt bei 1,68 Metern.
Sauber lief das alles nicht ab. Ein Roboter verlor im Sprint ein Bein. Der Sieger krachte nach dem Zieleinlauf in eine Matte, aus dem Oberkörper stieg Rauch, menschliches Personal musste den löschen. Praktisch alle Finalisten wurden auf Tragen abtransportiert. Genau diese Bilder machen gerade die Runde. Sie sind echt. Sie sind jedoch nur die halbe Geschichte.
Wer sich diese Zahlen ansieht und „exponentiell“ denkt, liegt für diese eine Kurve nicht falsch. Von 21,50 auf 8,64 in zwölf Monaten ist kein Fortschritt. Das ist ein Quantensprung.
Die Zahl, über die kaum jemand spricht
Auf derselben Veranstaltung gab es eine Haushaltsdisziplin. Die Aufgabe: In 30 Minuten eine Wohnung aufräumen, Wäsche falten, die Waschmaschine bedienen und ein Paket entgegennehmen.
Ein ZDF-Team hat mehrere Tage vor Ort gedreht. Das Fazit des Beitrags: In fünf Stunden Drehzeit schaffte kein einziger Roboter die Aufgabenstellung. Tiangong selbst schied aufgrund von Netzwerkproblemen aus.
Derselbe Roboter. Dieselbe Woche. Fast eine Sekunde schneller als Bolt, und an der Waschmaschine scheitert es letztendlich.
Warum beides stimmt
Das ist kein wirklicher Widerspruch. Im Prinzip ist es ein Befund.
Sprinten ist ein geschlossenes Problem. Die Bahn ist flach, die Strecke ist bekannt, es gibt im Grunde eine richtige Bewegung, und du kannst sie millionenfach in der Simulation üben lassen. Das Team der HTWK Leipzig macht genau das: Das Verhalten der Roboter wird nicht direkt programmiert, es wird vielmehr in Simulationen trainiert.
Eine fremde Wohnung aufräumen ist eine offene, größere, weniger trainierbare Herausforderung. Man weiß nicht, wo sich etwas befindet oder im Weg liegt. Für den Roboter ist auch nicht erkennbar, ob das „Ding“ auf dem Sofa ein Kissen oder vielleicht eine Katze ist. Schade eigentlich, Entlastung im Haushalt wäre hilfreicher als sprinten.
Han Xin, Betriebsleiterin der Spiele, hat es nüchtern gesagt: Das Schwierigste für die Roboter sei, Aufgaben autonom zu bewältigen. Ersetzen könnten sie den Menschen derzeit nicht, auch aus Sicherheits- und rechtlichen Gründen.
Jonathan Hurst von der Oregon State University setzt den Maßstab noch klarer: Echter Fortschritt zeige sich in Lagerhallen und Fabriken, wo humanoide Roboter stundenlang autonom arbeiten können und realen wirtschaftlichen Wert erzeugen. Nicht wie auf der Laufbahn.
Der Denkfehler, den fast alle machen, mich eingeschlossen, wenn ich nicht aufpasse: von der steilen Kurve auf die flache zu schließen. Beine sind weitgehend gelöst. Hände in einer unaufgeräumten Welt sind es jedoch nicht.
Ein kurzer Umweg: Wieder ein Sport – das Finale war deutsch
Rund 97 Prozent der Teams kamen aus dem Gastgeberland. Im Fußballfinale standen trotzdem zwei deutsche Hochschulteams. B-Human aus Bremen gewann gegen die HTWK Robots aus Leipzig mit 13:3.
Und wie sehen deutsche Betriebe die Sache? Das Fraunhofer IPA hat über 100 Unternehmen befragt. Ergebnis: 60 Prozent halten einen Roboter-Oberkörper auf einer fahrbaren Plattform für ausreichend. Zwei Beine braucht kaum jemand. Nur 6 Prozent erwarten industriellen Einsatz innerhalb von zwei Jahren, 74 Prozent rechnen mit drei bis zehn Jahren.
Die Menschenform ist damit weniger ein technisches Ziel als ein Verkaufsargument. Sie sieht in Videos gut aus.
Und jetzt das Datum, das untergegangen ist
Hier wird es für dich relevant, auch wenn dein Betrieb nie einen Humanoiden anschafft.
Ein humanoider Roboter ist rechtlich gesehen kein Roboter. Er ist drei Dinge gleichzeitig: eine Maschine, ein KI-System und ein Produkt. Für alle drei gelten eigene Regeln. Eine davon greift bald.
Am 20. Januar 2027 wird die neue EU-Maschinenverordnung verbindlich. Zwei Punkte daraus solltest du kennen.
Software zählt jetzt als Sicherheitsbauteil. Bisher war ein Sicherheitsbauteil etwas Physisches. Künftig kann auch reine Software eines sein.
Selbstlernende Sicherheitsfunktionen kommen auf den Prüfstand. Maschinen und Sicherheitsbauteile, deren Verhalten sich ganz oder teilweise durch maschinelles Lernen selbst weiterentwickelt und die dabei Sicherheitsfunktionen übernehmen, sollen nicht mehr im Alleingang zertifiziert werden können, sondern eine unabhängige Stelle einbeziehen. Software, die weder lernt noch sich weiterentwickelt, ist davon ausdrücklich nicht betroffen.
Die Trennlinie ist also nicht „KI ja oder nein“. Die Trennlinie ist: Lernt das Ding weiter, und hängt daran die Sicherheit?
Die Lücke, über die kaum jemand spricht
Jetzt kommt der Teil, den ich bei der Recherche selbst nicht erwartet hatte.
Für dynamisch stabilisierte mobile Roboter, also genau die Gattung mit Beinen oder balancierenden Rädern, wird derzeit eine eigene Sicherheitsnorm erarbeitet: ISO 25785-1. Sie steckt noch im Entwurfsstadium, die Kommentierungsfrist ist im Juli 2026 abgelaufen. Fachleute rechnen mit einer Veröffentlichung frühestens 2028.
Die Regel gilt ab Januar 2027. Die passende Norm kommt Jahre später.
Was das praktisch bedeuten könnte: Wer in dieser Zeit eine solche Maschine in Verkehr bringt, kann sich nicht auf eine harmonisierte Norm stützen, sondern müsste die Sicherheit selbst herleiten und belegen. Wie belastbar das im Einzelfall ist, ist eine juristische Frage. Die gehört zu einer Juristin, nicht in einen Blogbeitrag.
Nebenbei, damit klar ist, warum an dieser Norm überhaupt gearbeitet wird: Humanoide können bei einer Kollision mit bis zu 500 Newton einwirken. Das liegt deutlich über dem, was für kollaborierende Roboter üblicherweise als Grenzwert gilt.
Was du daraus mitnehmen kannst
Die Maschinenverordnung fragt nicht nach der Bauform. Sie fragt nach der Funktion. Deshalb betrifft dich das auch ohne Humanoiden in der Halle.
Drei Fragen, die sich lohnen:
- Gibt es bei uns eine Maschine, in der Software eine Sicherheitsfunktion übernimmt? Not-Aus, Schutzfeld, Kollisionserkennung, Personenerkennung.
- Lernt diese Software nach der Auslieferung weiter, oder ist sie fix? Das ist die entscheidende Trennlinie.
- Haben wir eine bestehende Maschine nachgerüstet? Wesentlich veränderte Maschinen fallen neu in den Anwendungsbereich, und „wesentlich“ ist schneller erreicht, als man denkt.
Wenn du auf alle drei mit „weiß ich nicht“ antwortest, hast du deine nächste Aufgabe.
Was ich nicht weiß
Ob die Roboterspiele ein Fortschrittsindikator sind oder eine Leistungsschau, ist offen. 97 Prozent der Teams aus einem einzigen Land sind auch ein Signal für Industriepolitik, nicht nur für Technik.
Ob die Norm 2028 kommt, weiß niemand. Fristen im Normungsbetrieb verschieben sich regelmäßig.
Und ob sich die Schere zwischen Bewegung und Autonomie in drei Jahren schließt oder in fünfzehn, kann ich dir nicht sagen. Wer behauptet, er könne es, verkauft dir etwas.
Was ich sagen kann: Das Datum steht fest. Der 20. Januar 2027 kommt, unabhängig davon, wie schnell die Roboter laufen.
Und du? Läuft in deinem Betrieb eine Maschine, bei der du nicht sicher sagen könntest, ob ihre Software dazulernt? Schreib es in die Kommentare. Mich interessiert, wie verbreitet das ist.
Quellen
- China Daily, 14.08.2026: Teilnehmerzahlen der World Humanoid Robot Games 2026
- ZDFheute: Bericht zur Haushaltsdisziplin und zum Entwicklungsstand
- Associated Press, 27.08.2026: 100-Meter-Rekord, Zwischenfälle, Einordnung Jonathan Hurst
- Al Jazeera, 25.08.2026: Tiangong Ultra, Vergleichszeit 2025
- digitec: Rekorde, Disziplinen und Pannen der Spiele 2026
- Leipziger Internet Zeitung, 08/2026: HTWK Robots, Finale gegen B-Human, Training in der Simulation
- Automationspraxis: Fraunhofer-IPA-Befragung, Kollisionskräfte, Zeithorizont ISO 25785-1
- Verordnung (EU) 2023/1230 (Maschinenverordnung), Erwägungsgründe zu selbstentwickelndem Verhalten
- TÜV SÜD und Pilz zur Maschinenverordnung: Geltungsbeginn, Software als Sicherheitsbauteil
- ISO/CD 25785-1, Stand des Normungsverfahrens


























































