„Läuft doch super, oder?“
Ein Teilnehmer teilt in meinem Online-Kurs seinen Bildschirm und zeigt mir stolz den neuen Chatbot auf seiner Firmenwebsite. Schnell, freundlich, rund um die Uhr erreichbar. Er ist begeistert. Zu Recht.
Ich stelle ihm nur eine Frage.
Weiß dein Kunde eigentlich, dass er gerade mit einer Maschine schreibt?
Er wird kurz still. „Ehrlich? Keine Ahnung. Muss das irgendwo stehen?“
Bis vor Kurzem war die Antwort nein. Ab dem 2. August 2026 ist sie ja.
An diesem Tag greift eine der ersten Regeln des EU AI Act, die man im Alltag wirklich merkt. Sie klingt unspektakulär und ist trotzdem ein kleiner Kulturbruch. Menschen sollen erkennen können, wann sie es mit einer KI zu tun haben. Der Chat, der sich wie ein Kollege anfühlt. Die Stimme in der Hotline, die keine ist. Das Bild im Newsletter, das nie eine Kamera gesehen hat. All das soll ab jetzt erkennbar sein.
Vielleicht hast du gehört, das Gesetz sei verschoben worden. Das stimmt, aber nur für die schwere Stufe, die Hochrisiko-Systeme. Die kommt erst Ende 2027. Der 2. August steht.
Und hier wird es fast schon ironisch. Wir haben Jahre damit verbracht, KI so menschlich wie möglich klingen zu lassen. Jetzt dreht ein Gesetz die Richtung um und verlangt das Gegenteil. Sie soll zugeben, dass sie keine ist.
Für die Praxis ist das kleiner, als die Schlagzeilen glauben machen. Oft genügt ein Satz in der Begrüßung. Ein Hinweis, dass ein KI-Bild ein KI-Bild ist. Der schwierige Teil ist nicht das Kennzeichnen. Es ist das Wissen, wo bei dir überhaupt KI mit Menschen spricht.
Genau da erlebe ich die größten Überraschungen. „Wir nutzen eigentlich nur ein Tool“, höre ich oft. Dann schauen wir gemeinsam nach und finden ein Dutzend. Nicht aus Nachlässigkeit. Jeder hat still das Werkzeug gefunden, das ihm den Tag rettet. Das ist menschlich. Es heißt nur eins. Der erste Schritt ist nie das Kennzeichnen. Der erste Schritt ist das Hinsehen.
Ich bin kein Anwalt, und wo es um die rechtliche Bewertung geht, gehört eine Juristin gefragt. Aber die meisten Fragen, die mir begegnen, sind gar keine Rechtsfragen. Es sind Fragen der Organisation. Wer macht was, und weiß es überhaupt jemand?
Der Teilnehmer aus dem Kurs hat die Begrüßung seines Chatbots übrigens noch am selben Abend geändert. Ein Satz. Zwei Minuten.
Und deine? Öffne kurz die Website deiner Firma und lies die erste Zeile im Chatfenster. Steht da, dass eine KI antwortet, oder tut sie gerade so, als wäre sie ein Mensch?
Quelle: Verordnung (EU) 2024/1689 (EU AI Act), Art. 50 (Transparenzpflichten); offizielle Leitlinien der Europäischen Kommission.



















































