Mike hat am Ende seines Teils angekündigt, dass ich seine Rechnung an einer Stelle umdrehe. Ich fange damit an, statt darauf hinzuarbeiten. Danach kommt die zweite Frage, die über die Realisierbarkeit entscheidet: Was passiert, wenn dort oben etwas kaputtgeht?
Also zuerst der Satz. Im All ist es kalt, die Kühlung gibt es praktisch geschenkt. Er steht in fast jedem Artikel zu diesem Thema. Er klingt selbstverständlich. Er ist trotzdem falsch, und zwar nicht knapp daneben. Genau andersherum.
Denk an eine Thermoskanne. Sie hält deinen Kaffee stundenlang heiß, und sie tut das aus einem einzigen Grund: Zwischen ihren Wänden sitzt ein Vakuum. Kein Material, keine Luft, nichts, was Wärme wegtragen könnte.
Der Weltraum ist ein sehr großes Vakuum. Er ist keine Kühltruhe. Er ist eine Thermoskanne.
Auf der Erde hast du drei Wege, Wärme loszuwerden. Luft, die vorbeiströmt. Wasser, das sie mitnimmt. Metall, das sie ableitet.
Im Orbit fallen alle drei weg, denn alle drei brauchen etwas, das man anfassen kann. Übrig bleibt genau ein Weg: Abstrahlung. Der Rechner muss seine Wärme als Infrarotlicht ins Nichts schicken. Das funktioniert. Es ist nur quälend langsam, und es braucht vor allem eines: Fläche.
Wie viel Fläche? Dafür gibt es einen Vergleichswert, den man nicht mehr vergisst.
Die Internationale Raumstation wird rund 70 Kilowatt Abwärme los. Dafür braucht sie Kühlflügel von etwa sieben Tonnen.
Siebzig Kilowatt. Ein einzelnes Spitzen-Rack zieht heute mehr.
Rechne das auf ein Megawatt hoch, also auf ein Rechenzentrum, das gegen die Anlagen aus Mikes Text winzig ist. Das Weltwirtschaftsforum kommt auf rund 100 Tonnen Kühlfläche. Die Rechner selbst wiegen 10.
Lies das ruhig zweimal. Die Kühlung wiegt das Zehnfache der Computer.
Damit sind wir zurück in Mikes Rechnung. Im All wird alles in Kilogramm bezahlt, und jedes Kilo muss auf einer Rakete nach oben. Der angebliche Vorteil taucht also ausgerechnet in der Kostenrechnung wieder auf, die er attraktiv machen sollte. Nicht als Stromrechnung. Als Startkosten.
Man kann das kleiner rechnen, und die Anbieter tun das auch.
Starcloud, die Firma, die als erste einen echten Rechenzentrums-Chip in den Orbit gebracht hat, nennt im eigenen Whitepaper rund 633 Watt pro Quadratmeter. Beidseitige Kühlfläche, etwa 20 Grad. Ein Megawatt bräuchte danach rund 1.600 Quadratmeter, ungefähr eine Eishockeyfläche.
SpaceX nennt in seinem Antrag an die amerikanische Aufsichtsbehörde rund 100 Quadratmeter Kühlfläche bei 100 Kilowatt. Das sind etwa 1.000 Watt pro Quadratmeter, gut anderthalbmal so viel.
Wie geht das? Es geht, wenn die Kühlfläche deutlich wärmer läuft. Abstrahlung nimmt sehr steil mit der Temperatur zu.
Wer die Fläche halbieren will, lässt sie heißer werden. Heißer heißt: Die Chips laufen wärmer. Und Chips, die wärmer laufen, halten kürzer.
Der Widerspruch ist nicht aufgelöst. Er ist verschoben. Von der Fläche auf die Lebensdauer.
Der naheliegende Einwand kam mir zuerst auch. Die Satelliten haben doch riesige Solarflächen, warum nicht einfach die Rückseite nutzen?
Weil die beiden Bauteile entgegengesetzte Wünsche haben. Ein Solarpanel will in die Sonne. Eine Kühlfläche will von der Sonne weg, mit freier Sicht ins kalte All. Beides an einem Blech geht nicht.
Damit zur zweiten Frage. Was passiert, wenn dort oben etwas kaputtgeht?
Auf der Erde ist die Antwort langweilig. Jemand geht in den Serverraum, zieht die Karte, steckt eine neue rein. Im Orbit gibt es diesen Jemand nicht. Ein Satellit hat keine Tür.
Wie oft das vorkommt, dazu gibt es eine öffentliche Zahl. Meta hat beim Training eines großen Sprachmodells protokolliert, wie viele der über 16.000 eingesetzten Grafikkarten in 54 Tagen ausfielen. Aufs Jahr hochgerechnet: etwa neun Prozent.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Hochrechnung stammt nicht von Meta selbst. Und sie gilt für eine klimatisierte Halle. Für den Orbit kursieren Schätzungen zwischen fünf und fünfzehn Prozent im Jahr, ausdrücklich als Richtwerte, nicht als Messung.
Wie ernst die Branche das nimmt, verrät eine unscheinbare Annahme. Für Rechenzentren auf der Erde wird mit bis zu fünf Prozent Reservehardware gerechnet. Für den Orbit setzt dieselbe Analyse zwanzig Prozent an.
Du startest also ein Fünftel deiner Chips in dem Wissen, dass sie ausfallen und liegen bleiben.
Dazu kommt die Strahlung, und hier liegt die eigentliche Zwickmühle. Besonders geschützte Weltraumelektronik hinkt der aktuellen Technik rund zehn Jahre hinterher. Damit lässt sich keine moderne KI betreiben. Nimmst du stattdessen normale Chips, sind ausgerechnet die schnellsten am empfindlichsten, weil ihre Strukturen am kleinsten sind.
Fairerweise: Hier gab es zuletzt gute Nachrichten. Google hat im Juni 2026 Strahlungstests für seine eigenen KI-Chips veröffentlicht. Der abgeschirmte Chip überstand die Dosis einer fünfjährigen Mission ohne dauerhaften Schaden.
Bleibt der Kalender. Satelliten werden auf Jahre ausgelegt. KI-Chips werden alle ein bis drei Jahre abgelöst. Auf der Erde tauschst du den Schrank. Im Orbit ist der Satellit der Schrank.
Wie kurz das real werden kann, zeigt der erste Versuch. Der Testsatellit, gestartet im November 2025, ist auf elf Monate Betrieb ausgelegt. Danach sinkt er ab und verglüht.
Dann ist da noch der Verkehr. Die amerikanische Luftfahrtbehörde zählte 2025 acht Beinahezusammenstöße mit Satelliten eines einzigen Netzes, bei damals rund 10.000 aktiven Einheiten. Zwischen Dezember 2025 und Mai 2026 wurden 260 davon kontrolliert zum Verglühen gebracht, weitere 349 waren bereits außer Betrieb.
Beantragt sind inzwischen bis zu einer Million Rechensatelliten. Das ist die Frage, die mir am wenigsten aus dem Kopf geht: Wer fliegt die eigentlich herunter, wenn der Betreiber vorher pleitegeht?
Ich lande am selben Punkt wie Mike. Nur über einen anderen Weg.
Er kommt über die Frage, was hinter einer KI-Anfrage steckt. Ich komme über etwas, das mir beim Schreiben aufgefallen ist. Fast jede beeindruckende Zahl zu diesem Thema stammt von jemandem, der ein wirtschaftliches Interesse an der Antwort hat.
Achtmal mehr Sonnenertrag. Zweihundert Dollar pro Kilogramm. Wirtschaftlich in drei Jahren.
Das sind keine Messwerte. Das sind Ziele. Und sie stehen in Nachrichten wie Ergebnisse.
Mike schreibt in Teil 1, es gehe nicht darum, jede Zahl zu kennen, sondern das Prinzip dahinter. Da bin ich bei ihm. Ich ergänze nur einen Halbsatz.
Das Prinzip sagt dir, welche Zahl du prüfen musst. Prüfen musst du sie trotzdem.
Für mich ist genau das KI-Kompetenz. Nicht nur wissen, was hinter der Technik steckt. Sondern eine plausible Zahl von einer geprüften unterscheiden können.
Das ist dieselbe Fähigkeit, die du brauchst, wenn ein KI-Werkzeug dir etwas beantwortet. Eine KI klingt nie unsicher. Sie liefert dir eine Jahreszahl, eine Quelle und einen flüssigen Satz. Ob das stimmt, merkst du nur, wenn du nachschaust.
Im Grundlagenkurs, im Expertenkurs und im Automatisierungskurs ist das inzwischen der Teil, über den am längsten diskutiert wird. Nicht der bessere Prompt. Die Frage, woran du merkst, dass eine Antwort trägt.
Beim Thema Rechenzentren im All kannst du das gerade in Echtzeit üben. Musk sagt: wenige Jahre. Bezos sagt: zehn bis zwanzig. Altman, dessen Unternehmen gerade Milliarden in klassische Rechenzentren auf der Erde steckt, sagt: nicht in diesem Jahrzehnt, jedenfalls nicht in relevantem Maßstab.
Alle drei sehen dieselben Daten. Alle drei haben Geld im Spiel.
Welche Zahl aus diesem Text würdest du als erstes selbst nachprüfen?
Quellen und Belege
Zuordnung der belegpflichtigen Aussagen zu den zugrunde liegenden Veröffentlichungen. Stand der Prüfung: 14. August 2026.
| Aussage im Text | Beleg |
| Im Vakuum ist Abstrahlung der einzige Weg der Wärmeabfuhr; das All isoliert, es kühlt nicht | SatNews, „The Physics Wall: Orbiting Data Centers Face a Massive Cooling Challenge“, 17.03.2026. satnews.com/2026/03/17/the-physics-wall-orbiting-data-centers-face-a-massive-cooling-challenge/ |
| ISS wird rund 70 kW Abwärme über rund 7 t Kühlflügel los; hochgerechnet auf 1 MW rund 100 t Radiatoren gegenüber rund 10 t Rechenhardware | World Economic Forum, „Why cooling is the real obstacle to space-based data centres“, 02.06.2026. weforum.org/stories/2026/06/space-data-centres-cooling/ |
| Starcloud-Whitepaper: beidseitige Kühlfläche bei rund 20 °C strahlt rund 633 W/m² ab; 1 MW entspricht rund 1.600 m² | Starcloud-Whitepaper, zitiert im WEF-Beitrag vom 02.06.2026 (siehe oben) |
| Gegenprobe zur Größenordnung: ein Rack mit rund 40 kW benötigt rund 80 m² Radiatorfläche | IEEE Spectrum, „Why Thermodynamics Rules Future Orbital Data Centers“, 19.06.2026. spectrum.ieee.org/orbital-data-centers-heat |
| SpaceX nennt im FCC-Antrag vom 30.01.2026 rund 100 kW Rechenleistung und rund 100 m² Radiatorfläche je Satellit; beantragt sind bis zu 1 Mio. Satelliten | SpaceNews, „SpaceX offers details on orbital data center satellites“, 22.03.2026; BlacKnight Space Labs, Analyse des FCC-Antrags, 22.03.2026 |
| Solarpanel und Radiator haben entgegengesetzte Ausrichtungsanforderungen; die Panel-Rückseite ist als Kühlfläche nicht nutzbar | World Economic Forum, 02.06.2026 (siehe oben) |
| Meta protokollierte Ausfälle über 16.384 H100-GPUs in 54 Tagen; hochgerechnet rund 9 % pro Jahr. Die Hochrechnung stammt nicht von Meta | Meta, Llama-3-Trainingsstudie (Rohdaten); Jahres-Hochrechnung: Electron Economics, „Orbital Data Centers Are a Bet on Terrestrial Failure“, 17.05.2026 |
| Für den Orbit kursieren Ausfallschätzungen von 5 bis 15 % pro Jahr, ausdrücklich als Richtwerte | Electron Economics, 17.05.2026 (siehe oben). Die Quelle bezeichnet die Werte selbst als richtungsweisend, nicht als gemessen |
| Terrestrisch bis zu 5 % Reservehardware, im Orbit 20 % Redundanzannahme derselben Analyse | SemiAnalysis, „To Boldly Go: The Case for Space Datacenters“, 03.06.2026. newsletter.semianalysis.com/p/to-boldly-go-the-case-for-space-datacenters |
| Strahlungsgehärtete Weltraumelektronik hinkt der aktuellen Fertigung rund zehn Jahre hinterher | Andrew Cote, „Do Orbital Data Centers Make Sense?“, 24.10.2025; bestätigend Tom’s Hardware, 22.02.2026 (rad-hard rund 90 nm gegenüber 4 nm bei aktuellen KI-Beschleunigern) |
| Google veröffentlichte im Juni 2026 Strahlungstests zum Trillium-TPU (v6e): volle Dosis einer fünfjährigen LEO-Mission ohne dauerhaften Ausfall, HBM-Auffälligkeiten erst bei rund dreifacher Missionsdosis | Google, Strahlungstestergebnisse Juni 2026, zusammengefasst bei Luminix, „Data Centers in Space: Feasibility & Economics“, 05.07.2026 |
| Starcloud-1: 60 kg, erste NVIDIA H100 im Orbit, Start 02.11.2025, Auslegung auf 11 Monate, danach Absinken aus 325 km und Verglühen | DatacenterDynamics, „Starcloud-1 satellite reaches space, with Nvidia H100 GPU now operating in orbit“ |
| FAA zählte 2025 acht Beinahezusammenstöße bei rund 10.000 aktiven Satelliten eines Netzes; zwischen Dez. 2025 und Mai 2026 wurden 260 kontrolliert zum Verglühen gebracht, 349 weitere waren außer Betrieb | PC Games Hardware, „Starlink Gen 3: 100.000 Satelliten, Austauschzyklus-Problem“, 09.07.2026 |
| Musk: der wirtschaftlich überzeugendste Ort für Rechenleistung sei in zwei bis drei Jahren der Orbit | SpaceNews, 22.03.2026 (Aussage auf dem Event in Austin, 21.03.2026); Erstaussage im Podcast Anfang Februar 2026 |
| Bezos: Gigawatt-Rechenzentren im All in den nächsten 10 bis 20 Jahren | Italian Tech Week, Turin, Oktober 2025. Berichtet u. a. bei Forbes und DatacenterDynamics, 08.06.2026 |
| Altman: orbitale Rechenzentren spielen in diesem Jahrzehnt in keinem relevanten Maßstab eine Rolle | Pressekonferenz The Indian Express, Neu-Delhi, Februar 2026. Berichtet u. a. bei Fox Business und Tom’s Hardware, 22.02.2026 |






















































